Literatur- und geschichtswissenschaftliche PropÀdeutik im W-Seminar

Dem Verfasser gelingt in seiner Seminararbeit eine sehr fundierte und anschauliche Darstellung eines bislang viel zu wenig beachteten Themas.

Studenten sind sehr zufrieden, wird eine ihrer Seminararbeiten so oder Ă€hnlich beurteilt. Ist es ein SchĂŒler, der diese im Rahmen eines W-Seminars erstellt, hat er einen Grund stolz zu sein. Zumal das PrĂ€dikat von wissenschaftlichen FachkrĂ€ften stammt, die im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur arbeiten und die Arbeit deshalb auf zeitzeugenbĂŒro.de veröffentlichten:

„Der 17-jĂ€hrige Fabian Gerstmeier beschĂ€ftigt sich in seiner Seminararbeit mit dem Titel ‚Zensur, Verfolgung, Zersetzung – Kulturpolitik einer Diktatur am Beispiel des Literaturbetriebes in der DDR‘ mit der Kunst- und Literaturpolitik der SED. Dabei gibt er einen historischen Überblick ĂŒber die Entwicklung der politischen Einflussnahme auf Autoren, Verlage und andere Akteure des kulturellen Lebens in der DDR. Fabian Gerstmeier skizziert beispielhaft den Ablauf einer literarischen Veröffentlichung. Anhand mehrerer KĂŒnstler-Biografien demonstriert er, wie sich die zensierenden und zersetzenden Methoden der Staatssicherheit sowohl auf die Kulturlandschaft der DDR als auch auf die ganz persönlichen LebenslĂ€ufe der KĂŒnstler auswirkte. Fabian Gerstmeier gelingt in seiner Seminararbeit eine sehr fundierte und anschauliche Darstellung eines bislang viel zu wenig beachteten Themas.“

Wer weiter einsteigen möchte, Fabians Arbeit steht nach wie vor auf der Startseite von zeitzeugenbuero.de zum Download bereit.

Auch die Behörde des Bundesbeauftragten fĂŒr die Stasiunterlagen (BStU) prĂŒfte die Arbeit genauer. Sie hat sie ebenfalls auf ihrer Homepage veröffentlicht und zudem ein gedrucktes Exemplar als eigenen Titel in ihre Bibliothek aufgenommen.

Der diesjĂ€hrige Abiturient Fabian Gerstmeier hat mithin gute GrĂŒnde, stolz auf sich zu sein. Wir gratulieren ihm herzlich zu dieser reifen, sehr qualifizierten Leistung.

Aus der PrĂ€sentation der Arbeit: Eröffnung der Akademie der KĂŒnste der DDR am 24.3.1950, Prof. Nagel empfĂ€ngt von StaatsprĂ€sident Pieck die Urkunde.

An diesem Beispiel wird zweierlei sichtbar:


Erstens: Die Seminare bieten einen recht offen gestaltbaren Raum fĂŒr Fragestellungen und Perspektiven, fĂŒr die sonst wenig Platz ist. Neue Wege der Verquickung und Vertiefung können spannend beschritten und tragfĂ€hig gebahnt werden. Hier geschah dies im W-Seminar „Literatur und Geschichte“. In verschiedenen Zeitfenstern gingen wir Wechselwirkungen nach, wie sie sich zwischen Literatur und zeitgenössischem Kontext auftun, mal ganz typisch, mal sehr eigen. Dabei arbeitete jeder fĂ€cherĂŒbergreifend sowie im Tandem mit verwandten Themen im gleichen Zeitfenster.

Zweitens: WissenschaftspropÀdeutik ist machbar.

Beides bestĂ€tigt eine weitere Arbeit, die hier ErwĂ€hnung verdient. Tabea Stirenberg arbeitete zu, so kann man das sagen, Christa Wolfs letzter grĂ¶ĂŸerer ErzĂ€hlung, „Stadt der Engel“. Das tat sie nach Aufhebung der Seitenbegrenzung so, dass die Arbeit nun von einem wissenschaftlichen Verlag publiziert wird. Die Arbeit klĂ€rt aus dem deutsch-deutschen Literaturstreit heraus, der Anfang der 1990er Jahre der Autorin den Vorwurf der opportunistischen Staatsdichterin einhandelte, Hintergrund und Absicht des Werks. Dann klĂ€rt sie entlang der DDR-Geschichte und der jeweiligen Positionierung der Autorin darin, von den 1950er Jahren bis zur AusbĂŒrgerung Biermanns, zu welchen Ergebnissen Wolf in dieser literarischen Selbstbefragung jeweils kommt. Gleichzeitig analysiert sie, wie das „Textgewebe“ dabei getragen wird von einer speziellen, in einigen Punkten der Autorin schon seit ihrem Bruch mit dem Regime Mitte der 1960er Jahre ganz eigenen ErzĂ€hltechnik, ja Auffassung vom Schreiben. An weitere PrimĂ€r- und an die SekundĂ€rliteratur angeschlossen erreichen diese Befunde poetologischen Aussagewert.

Durch das Lektorat ist die Arbeit durch und der Vertrag liegt vor. Im SpĂ€tsommer wird die Arbeit als Monographie erscheinen. Die erste Promotion, die sich wissenschaftlich standesgemĂ€ĂŸ genauer mit Wolfs ErzĂ€hlung beschĂ€ftigt, wird hier noch nicht fertig sein. Herzliche Gratulation Tabea Stirenberg zu ihrer erfolgreichen Grundlagenarbeit.

Im Sinne der Geisteswissenschaften und der propÀdeutischen Zielsetzung der W-Seminare ergibt sich damit ein erfreuliches Bild, wohltuend und motivierend.

VollstĂ€ndig wird dieses Bild allerdings erst mit mindestens vier weiteren Arbeiten, die hier nicht alle einzeln umrissen werden sollen, doch Ă€hnlich ergiebig gerieten. Nach der gemeinsamen HinfĂŒhrung im Seminar wurde hier Ă€hnlich sorgfĂ€ltig und StĂŒck fĂŒr StĂŒck immer selbstĂ€ndiger, methodisch solide und inhaltlich differenziert gearbeitet.

Stellvertretend kann dafĂŒr die Arbeit von Fabian Faßbender stehen. Sie trĂ€gt den etwas sperrigen Titel „Verfolgte Lyrik aus der DDR an exemplarischen Analysen an Gedichten von Reiner Kunze, GĂŒnter Kunert und JĂŒrgen Fuchs“, bringt es ansonsten aber auf den Punkt. Als Tandem-Arbeit vertieft sie die literarische Seite, vervollstĂ€ndigt so den Beitrag zur Kulturpolitik der DDR und erfĂŒllt wie andere den ĂŒbergreifenden Ansatz des Seminars. Sie ist ebenfalls mit sehr gut bewertet. Und sie liefert mit einem Gedicht von GĂŒnter Kunert – kommt gefĂ€llig um die Ecke, aber in der Analyse messerscharf, so soll es sein – gleich noch den passenden Abschluss fĂŒr das, als was wir Literatur nicht nur in diesem Zeitfenster der deutschen Geschichte erkannt haben – mal Projektion, mal Reflexion, mal Instrument, natĂŒrlich oft selbst ambivalent und nie gefeit.

Andreas Simon