Die Erinnerung ĂŒber Generationen lebendig halten: Shlomi Chanoch fĂŒr seinen Vater Uri Chanoch am OvTG

Am Donnerstag, den 28. April, besuchte Shlomi Chanoch, der Sohn des Holocaust-Überlebenden Uri Chanoch, zusammen mit dem Gautinger AltbĂŒrgermeister Dr. Knobloch und dessen Frau, das Otto-von-Taube-Gymnasium, um SchĂŒlern und SchĂŒlerinnen der 11. Jahrgangsstufen einen eindrucksvollen Film ĂŒber das Leben seines Vaters wĂ€hren der Zeit der Verfolgungen durch das NS-Regime vorzufĂŒhren.

Shlomi Chanoch selbst fĂŒhrt die Aufgabe seines Vaters, der Vorsitzender der Vereinigung der Überlebenden der KZ-Außenlager Dachau war, fort und versucht in diesem Rahmen die Erinnerungen seines Vaters besonders an die jĂŒngere Generation weiterzugeben. Als Vertreter Israels sitzt er als Vertreter der sog. ‚2. Generation‘ im ‚ComitĂ© International de Dachau‘ (CID). Zudem ist er auch Partner fĂŒr den Israelaustausch des Gymnasiums.

In dem Film berichten Uri Chanoch und dessen Bruder Daniel auf HebrĂ€isch mit englischen Untertiteln ĂŒber ihre Erinnerungen an die Zeit des Holocaust, wobei Fotos das Leid der Juden im Dritten Reich dokumentieren.

Uri Chanoch wurde 1928 in Kaunas in Litauen geboren, einer damals ĂŒberwiegend jĂŒdischen Gemeinde. Als die Russen im Juni 1940 Litauen besetzten, wurden jĂŒdische Schulen geschlossen, sodass Uri ohne Abschluss die Schule verlassen musste. Ein Jahr spĂ€ter, im Juni 1941 marschierten die Deutschen in Kaunas ein, woraufhin die Russen flĂŒchteten. Der damals 13-JĂ€hrige wurde als Pionier eines kommunistischen Jugendlagers zusammen mit anderen Kindern verhaftet und in eine Synagoge gesperrt. Nachdem man sie zwei Wochen hungern hatte lassen und sie geschlagen wurden, schickte man sie zurĂŒck nach Kaunas, wo von den Besatzern ein Judenghetto eingerichtet wurde. Uri Chanoch und seine Familie mussten ebenso wie viele andere dorthin umziehen und konnten dabei nur das Nötigste mitnehmen.

Bei der sogenannten „Großen Aktion“ mussten sich alle auf einem Platz versammeln: Kleine Kinder und Frauen kamen auf die „schlechte“ Seite, arbeitsfĂ€hige Menschen auf die gute. An diesem Tag wurden 9.2000 Juden ermordet, Uri und seine Familie blieben vorerst verschont.

Danach suchte er sich möglichst schnell einen Job und konnte als Eilbote arbeiten. Dadurch waren seine Familie und er in gewisser Weise vor Deportation und Erschießung geschĂŒtzt. WĂ€hrend dieser Zeit war Uri Chanoch auch in der Widerstandsbewegung engagiert, die von der Ghetto-Polizei organisiert wurde und deren Mitglieder beispielsweise einen Bunker fĂŒr Kinder bauten.

Im MĂ€rz 1944 wurde er zusammen mit seiner Familie mit dem Zug deportiert. Unterwegs mussten seine Ă€ltere Schwester und seine Mutter aussteigen – Uri sah sie danach nie wieder. Er selbst wurde zusammen mit seinem Vater und seinem jĂŒngeren Bruder Daniel zum KZ Kaufering gebracht und von dort in Lager 1, ein Außenlager des KZ Dachau. Sein zwölfjĂ€hriger Bruder wurde dort von ihm getrennt und kam nach Auschwitz.

Uri Chanoch musste, ebenso wie sein Vater, Tag und Nacht arbeiten und unter schlechtesten UmstÀnden leben. Sein Vater war mit 55 Jahren bereits einer der Àltesten dort, die nach 1940 noch am Leben waren. Wenig spÀter wurde auch er nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Als Uri Chanoch fast keine Kraft mehr hatte und kurz davor war aufzugeben, verschafften ihm Mitgefangene einen Job als LĂ€ufer fĂŒr den Kommandanten. Dadurch blieb er vor weiterer Zwangsarbeit verschont, hatte mehr Freiheiten und bekam mehr zu essen.

Nach der Befreiung des KZ 1945 durch amerikanische Soldaten, kam er 1946 zusammen mit seinem Bruder Daniel nach Israel.

Anhand des Filmes und den darin gezeigten Fotos, wurde Uri Chanochs Leben sehr eindrucksvoll vermittelt. Besonders die persönlichen Berichte von Uri und seinem Bruder Daniel ĂŒber ihre eigenen Erlebnisse ermöglichten es, eine genauere Vorstellung von dem Leben der Juden im Dritten Reich zu bekommen. Auch das beschriebene Wiedersehen der beiden BrĂŒder, nachdem Uri Chanoch nach Befreiung des KZ zunĂ€chst nicht gewusst hatte, ob Daniel noch am Leben sei, hat die Zuschauer sehr berĂŒhrt.

Shlomi Chanoch selbst beschreibt seinen inzwischen verstorbenen Vater als einen sehr positiv denkenden Menschen, der nicht auf Rache gegenĂŒber den Deutschen sann, sondern stattdessen spĂ€ter ohne Hass nach Deutschland zurĂŒckkehrte, und dem es zugleich wichtig war, die Erinnerungen an das Geschehene wach zu halten.

Nach dem Film wurde noch eine Diskussion auf Englisch gefĂŒhrt, in der die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler die Möglichkeit hatten Fragen zu stellen. In diesem Rahmen ging Shlomi Chanoch auch auf die Haltung anderer Holocaust-Überlebender gegenĂŒber Deutschland ein und betonte, dass man keinen Überlebenden dafĂŒr verurteilen könne, nicht ĂŒber seine Vergangenheit zu sprechen. Er selbst halte es aber, ebenso wie sein Vater, fĂŒr unerlĂ€sslich, die Erinnerung an die nĂ€chste Generation weiterzugeben – was sich in seinem Engagement etwa im CID widerspiegelt. Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde auch ĂŒber die gegenwĂ€rtige Situation Israels im Rahmen des Nahost-Konfliktes diskutiert.

Melanie Straub, Q11